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center>Kapitel 41
The Viking Effect


* Sara *

Geistesabwesend kämmte ich mir nochmal die Haare und verließ dann mein Hotelzimmer. Vor der Tür wartete Björn schon auf mich, ich hakte mich bei ihm unter und wir schlenderten nach draußen. Es lag überhaupt kein Schnee, und das Anfang Dezember. Draußen warteten schon die anderen Springer auf uns, auch Morten und Leni. Sie war das Wochenende her gekommen, um beim Wettkampf zu zu sehen. Es wäre gelogen wenn ich sagen würde, dass es mir nichts ausmacht. Das tut es, sogar sehr. Ich hatte nie etwas mit ihr zu tun, hab sie höchstens 2 mal gesehen, aber nun musste ich der Tatsache ins Auge sehen, dass sie eben wirklich da war. Und aus irgendeinem Grund schien es mir unmöglich, so weiter zu machen wie bisher. Vielleicht hatte Morten recht und zwischen uns war nichts Emotionales, sondern wir hatten einfach Spaß miteinander. Aber wieso war ich dann eifersüchtig?
Jedenfalls fand ich es an der Zeit, mit dieser ganzen Geschichte Schluss zu machen, bevor ich zu tief drin häng.
„Wo bist du denn mit deinen Gedanken?“ Björn stubste mich an und sah mir fragend in die Augen.
„So hier und da“ log ich und verlangsamte meinen Schritt. Die anderen waren schon weit vor uns.
„Hmm.. du, ich finds schön, dass wir wieder mehr Zeit zusammen haben.“ Er lächelte mir zu und nahm meine Hand.
„Ja, find ich auch.“ Ich fühlte mich immernoch so wohl mit ihm, schweigend gingen wir nebeneinander her und hingen unseren Gedanken nach. Das mit Morten war Geschichte, definitiv. Und vielleicht sollte ich Männertechnisch mal eine Pause einlegen. Demnächst wird sich wohl eh keine Gelegenheit mehr bieten. Ich sah Björn von der Seite an und dachte über ihn nach. Ob wir überhaupt zusammen passen würden? Ding, Ding, Ding – Haupttreffer Sara, vor 10 Sekunden wolltest du noch eine Pause einlegen. Ich schüttelte den Kopf und kassierte von Björn einen skeptischen Blick, der zu einem breiten Grinsen wurde. „Ich kann kaum glauben, dass mir so ein schräges Huhn wie du gefehlt hat.“ Er strubelte mit der Hand durch meine Haare und sprintete kurz darauf lachend los. Sprachlos starrte ich ihm hinterher, bis ich schließlich schaltete und ihm nach lief. Vollkommen außer Atem standen wir vor Lars´ Haustür, als er öffnete.
„Hey, ihr beiden! Was denn mit euch los?“ Fragend sah er abwechselnd zu mir und dann zu Björn. Ich rang immernoch nach Luft, meine Kondition war wirklich im Keller. Grinsend gingen Björn und ich hinter Lars her zur Küche, die anderen schienen schon ne Weile hier zu sein, denn vor Morten und Roar standen schon ein paar leere Flaschen Bier. Es waren auch ein paar Leute da, die ich nicht kannte. Unter anderem zwei Mädchen, die sich sofort auf Björn stürzten. Ich fing einen seltsamen Blick von Morten auf, doch Leni lenkte ihn sofort wieder ab. Frustriert schnappte ich mir ein Bier und ging ins Wohnzimmer. Überall tummelten sich Pärchen, sogar der neue Anders war in ein Gespräch mit einer Freundin von Lars vertieft. Na das kann ja ein super Abend werden. Ich versuchte in Gedanken auszuzählen, wer eigentlich noch Single war und wer nicht. Die Frage wurde mir auch prompt beantwortet, als ich zu Lars´ Sofa sah. Dort saßen er, Tommy und Anders und quatschten über den Wettkampf vom Wochenende. Nein, also.. nichts gegen die drei, aber davon war nun so gar keiner mein Typ. Resigniert nuckelte ich an meinem Bier. Vielleicht ist es ja Zeit zu gehen.
„Sara! Dich hab ich ja ewig nicht gesehen!“
Ich drehte mich überrascht um und stieß gegen Trygve, der mich umarmen wollte. Halleluja, ein Lichtblick!
Überglücklich fiel ich ihm um den Hals und drückte ihn an mich „Du glaubst gar nicht, wie sehr ich mich freue dich zu sehen!“
„Ich hab gar nicht erwartet, dass ich so nen Eindruck auf dich gemacht hab“ kicherte Trygve und zog mich nach draußen. Wir saßen stundenlang auf Lars Terasse und quatschte darüber, was uns so in den letzten Monaten alles passiert war. „Und du bist mit diesem Finnen nicht mehr zusammen?“
„Mit Matti? Nein.“ Ich schüttelte schnell den Kopf. „Kurz nach dem Urlaub ist es auseinander gegangen, war aber auch besser so.“
„Hm, hab mir schon sowas gedacht.“
„Und wie gehts diesem Mädel, dass dich in Park City so angehimmelt hat?“ Ich grinste ihn herausfordernd an und kassierte einen Kniff in die Seite. „DAS hatte sich ebenfalls ganz schnell erledigt.“
„Wir haben einfach kein Glück,huh?“ Ich lehnte mich mit dem Rücken gegen den Zaun und sah durch die Glastür ins Wohnzimmer. Björn unterhielt sich mit einem dunkelhaarigen Mädchen und schien vollkommen vertieft zu sein.
„Naja, so läuft es halt. Gehts Björn eigentlich inzwischen schon besser?“ Überrascht sah ich ihn an. „Wieso, ging es ihm schlecht?“
„Naja, nachdem Malin ausgezogen ist war er schon ziemlich neben der Spur.“ Schlagartig klappte mir die Kinnlade runter. „Sie.. sie ist ausgezogen?“
„Jup, ich dachte du wüsstest das. Ihr erzählt euch doch sonst immer alles.“
„Offensichtlich nicht.“ nuschelte ich gekränkt. „Wann war das denn?“
„Vor etwa 2 Monaten.“
Zwei Monate soll das her sein? Wieso sagt er denn kein Wort? Ich fühlte mich wirklich gekränkt, denn ich ging davon aus, dass Björn mir sowas anvertrauen würde. Ich hätte mich doch um ihn gekümmert, wenn ich es gewusst hätte. Und dann fielen mir all die kleinen Dinge wieder ein,die mich aufmerksam hätten machen sollen. Wie oft er angerufen hatte und mich gefragt hat, ob ich nach Oslo kommen kann oder als Morten und ich bei ihm in der Wohnung übernachtet haben. Und er hatte die ganze Zeit geschwiegen.
Nachdenklich sah ich wieder durch die Scheibe ins Wohnzimmer, Björn schien meinen Blick zu bemerken und lächelte mir zu. Am liebsten wär ich zu ihm gelaufen und hätte ihn in den Arm genommen. Aber wenn er nicht wollte, dass ich von der ganzen Sache erfuhr, dann ist das seine Angelegenheit.
„Sag mal... ich hab Björn nie gefragt, aber lief da mal was zwischen euch?“ Trygve riss mich aus meinen Gedanken.
„Äh.. was? Wie kommst du denn darauf?“
„Ihr macht irgendwie den Eindruck als wärt ihr mehr als nur Freunde.“ stellte er seufzend fest.
„Lass uns wieder reingehen, ja? Mir wird kalt.“ Ohne eine Antwort von ihm abzuwarten betrat ich wieder das Wohnzimmer und gesellte mich zu Anders und Tommy, die grade ein Ständchen für Lars vorbereiteten. Trygve blieb bei mir und sah mich mit einem verwirrten Gesichtsausdruck an.

„Mir ist langweilig.“ Ich warf Trygve mein Kissen ins Gesicht und ließ mich tiefer auf der Couch sinken.
„Konnte ja keiner ahnen, dass kein Wettkampf statt findet.“ Trygve zappte lustlos im Tv bis er schließlich die hand sinken ließ und mich ratlos ansah. „Gib mir jetzt sofort einen Tipp was wir machen können oder ich pack dich ein und fahr nach Oslo.“
„Gute Idee!“ ich sprang auf und lief ins Schlafzimmer um meine Tasche zu packen. Zögernd ging Trygve mir nach und lehnte sich gegen den Türrahmen. „Eigentlich meinte ich das als Witz.“
„Damit macht man keine Scherze!“ grinste ich und packte weiter. In einer halben Stunde hatte ich alles beisammen und stellte meine Tasche in den Flur.
„Du bist verrückt“ grinste Trygve und zog sich seine Jacke an.
„Ich weiß, deshalb vergötterst du mich ja.“ zog ich ihn auf und wickelte meinen Schal um den Hals. Schwungvoll öffnete ich die Haustür und starrte in Mortens überraschtes Gesicht.
„Wo wollt ihr denn drauf los?“ fragte er erstaunt und umarmte mich.
„Auf die Hauptstadt.“ gab ich zurück und ging vor ihm und Trygve die Treppe runter. Schnell waren unsere Taschen auf dem Rücksitz des Autos verstaut und ich wandte mich wieder Morten zu. „Tut mir leid, dass ich grad keine Zeit hab, aber wenn wir jetzt los fahren, schaffen wir´s vielleicht bis heute Abend noch.“
„Kein Problem.. wär nur schön, wenn wir auch mal wieder was miteinander machen könnten.“ Er drehte sich um und ging die Straße runter. Sollte ich jetzt ein schlechtes Gewissen haben, weil ich ihn so abserviert hab? Ich starrte ihm nachdenklich nach.
„Können wir?“ Erschrocken fuhr ich zusammen und wandte den Blick zu Trygve, der mich ungeduldig anschaute. Ich sprang ins Auto und wir machten uns auf den Weg.
Während der Fahrt sah ich nachdenklich aus dem Fenster. Morten tat mir irgendwie leid, obwohl ich noch nicht mal wusste, ob es ihm überhaupt was ausmacht. Er schien ja eigentlich ganz gut damit klar zu kommen.
„Wie machst du das nur?“
Verwirrt sah ich ihn an „Was meinst du?“ Trygve grinste und konzentrierte sich wieder auf die Straße. „Jetzt sag schon!“ drängelte ich und drehte mich zu ihm.
„Vergiß es einfach.“
„Argh... ich hasse sowas! Sag sofort was los ist! Oder ich kitzel dich aus!“
„Du würdest tatsächlich für einen vollkommen sinnlosen Kommentar von mir unser beider Leben aufs Spiel setzen?“ Lächelnd sah er wieder zu mir.
„Hm.. Gutes Argument. Ich will´s trotzdem wissen.“
„Naja.. ich mein nur.. also.. ähm.. Du scheinst ziemlichen Eindruck auf die Männerwelt zu machen.“ Ich riss überrascht die Augen auf und prustete los.
„Wie kommst du denn zu der Erkenntnis?“ blubberte ich und konnte mich kaum wieder einkriegen. Der kam vielleicht auf Ideen.
„War nur so ein Gedanke“ flüsterte Trygve ohne die Augen von der Fahrbahn zu wenden und drehte das Radio lauter. Ich wippte mit dem Fuß zu Pink´s „You and your hands“ während ich nach draußen schaute.
Gegen halb elf abends lud mich Trygve vor Björns Wohnung ab.
„Denkst du es ist eine gute Idee, dass ich heute Abend hier rein platze?“ Skeptisch sah ich nach oben, in der Küche brannte Licht. Ich fühlte mich so gar nicht wohl dabei, hier aufzukreuzen.
„Klar, wir sehen uns morgen irgendwann, ruf mich an wann du Lust hast.“ Und schon saß er wieder hinterm Steuer und fuhr los. Na toll. Wie erklär ich denn Björn, was ich jetzt bei ihm will? Zögerlich ging ich nach oben und klingelte. Es dauerte eine kleine Ewigkeit, bis sich die Tür öffnete.
„Huhuuu“ rief ich ihm zu und marschierte an ihm vorbei, Angriff ist die beste Verteidigung.
„Eh... Sara...? Was machst du hier?“ Björn stand geplättet in der Tür und sah mich an.
„Is ne vorweihnachtliche Überraschung... sozusagen...“ grinste ich und freute mich über seinen überraschten Gesichtsausdruck. Er wuschelte sich durch die Haare und lächelte mich an. „Super.“
„Was für eine Begrüßung“ nuschelte ich gespielt gekränkt und ließ mich aufs Sofa fallen. Neugierig schaute ich mich um, hier sah es immer noch so chaotisch aus wie vor ein paar Wochen, als ich mit Morten hier war. Überall lag irgendetwas rum. Plötzlich blieb mein Blick auf dem freien Platz neben mir hängen.
„Oh Guck mal, da hast du mich zum Holmenkollen gefahren!“ lächelnd zeigte ich ihm das Foto, das ganz oben auf dem Stapel lag. Björn zögerte einen Moment, doch dann setzte er sich neben mich und grinste mich an „Ja, und du hast gedacht, du müsstest oben auf dem Bakken sterben.“
„Hey, ich stand vorher noch nie auf so ner großen Schanze! Von unten sieht das alles gar nicht so riesig aus..“ verteidigte ich mich und sah mir das nächste Foto an. Björn und ich beim Schlittenfahren... er hatte sich so eine moderne Metallschüssel besorgt und mit Skiwachs präpariert, damit er beim Wettschlittenfahren schneller ist als ich. Mit Erfolg, allerdings konnte er nicht mehr rechtzeitig bremsen und raste gradewegs gegen einen Laternenpfahl. Die Beule konnte man noch zwei Wochen später bewundern. Es folgten noch ein paar Fotos wo wir beim Feiern waren, ich wusste gar nicht, dass solche Bilder von uns überhaupt existierten. Ich konnte mich zwar grob daran erinnern, dass Daniel öfters eine Digi Cam mitgeschleppt hatte, aber Fotos hatte ich davon nie gesehen. Ich sah den Stapel lachend durch und warf den ein oder anderen Kommentar ein. Bis ich schließlich das letzte Foto sah, Björn und ich saßen im Park in Oslo. Das muss an einem Abend entstanden sein, als ich grade erst ein paar Wochen in Norwegen war. Wir hatten öfters im Park gegrillt und Lagerfeuer gemacht. Auf dem Foto hatte er einen Arm um mich gelegt und wir starrten ins Lagerfeuer. Himmel, man sieht mir ja fast an, wie verknallt ich damals war. Stumm lächelte ich vor mich hin, während ich das Bild betrachtete.
„An dem Abend... ach, egal.“ Brach Björn plötzlich ab und sah aus dem Fenster.
„Hm? Sag schon“ forderte ich ihn auf und sah ihn neugierig an. Es war relativ dunkel hier im Zimmer, Björn hatte nur seine alte Ikea Lampe eingeschaltet. Ich betrachtete sein gesicht eine Weile und wartete darauf, dass er mir erzählte, was los ist.
Björn holte tief Luft und setzte sich im Schneidersitz vor mich. „An dem Abend hatten wir eine Menge Spaß und haben viel geredet, du warst ja grade erst 4 Wochen in Oslo und ich wusste noch nicht viel über dich.“ ich begann mich an den Abend zu erinnern, an unsere Gespräche, und wieviel wir gelacht haben.
„Und?“ hakte ich nach, denn ich wusste, dass da noch mehr war.
„Ich hab mich ständig gefragt, wie es wäre, wenn...“ er brach ab und sah mich eigenartig an. Ich fühlte mich, als würde er mir bis in die Seele sehen können.
„Wenn?“
„Wenn ich dich küssen würde.“ stieß er hervor und fuhr sich nervös durch die Haare. Ich schluckte schwer und starrte ihn an. Für den Moment fiel mir gar nichts ein, was ich hätte sagen können.
„Ich.. also...ich... hm“ stammelte ich nervös und zappelte mit dem Fuß. Wieso war nur immer alles so kompliziert? Wieso konnten wir nicht einfach sagen, wir lieben uns und gut ist´s? Aber ich war mir ja nichtmal dabei wirklich sicher. Ich kaute auf der Unterlippe und überlegte was ich nun tun sollte.
„Schon okay, du musst nichts sagen.“ Björn stand kopfschüttelnd auf und ging zum Fenster. Schweigend starrte er nach draußen und rieb sich irgendwann über die Schläfen. Ich beobachtete ihn eine ganze Weile und stand schließlich auch auf, um zu ihm zu gehen. Björn drehte sich zu mir und sah mir lange in die Augen, seine wirkten fast schwarz. Bevor meine Vernunft mir einen Strich durch die Rechnung machen konnte nahm ich seinen Kopf zwischen meine Hände und zog ihn zu mir herunter. Seine Hände lagen auf meiner Hüfte und ich spürte noch durch mein Shirt, wie kalt seine Finger waren. Björn sah mich verwirrt an. Lächelnd striff ich mit meinen Lippen über seinen Mund.
„Küss mich doch einfach jetzt.“


* Lea *

„Meinst du nicht wir sollten mal reden?“ Vellu schaute mich nicht mal an, sondern kramte weiter in seinen Trainingsklamotten rum. Na toll...ich rede gegen eine Wand. Vellu ist also eine Wand. Wir waren jetzt seit vier Tagen wieder zu Hause und bisher waren wir uns erfolgreich aus dem Weg gegangen. Morgen sollte es nach Lillehammer gehen und ich wollte mich gern noch vorher mit Vellu aussprechen. Offensichtlich sah er das anders.
Geschlagen verzog ich mich in mein Zimmer. Ich lehnte mich gegen die Tür und dachte nach. Dann fiel mein Blick auf meinen Koffer....“Vielleicht...“....entschlossen verstaute ich einige Sachen darin und verschwand dann klammheimlich aus der Wohnung.

„Wir nehmen keine Hausierer auf.“ ohne, dass ich was sagen konnte, fiel die Tür auch schon wieder ins Schloss. Also....das ist doch wohl....“Kantee!“ Ich hämmerte gegen die Tür, bis Ville wieder öffnete. „Hehe...komm rein.“ lachte er und machte dann den Weg frei. „Willst du hier etwa einziehen?“ Ville beobachtete mich, wie ich meinen Trolley im Flur parkte und dann meine Jacke auszog. „Ja“ antwortete ich kurz und verschwand im Wohnzimmer. Dort saß Jussi mit einem Koff und schaute Poker. „Hei....da bist du ja. Willst du nen Bier?“ Ich nickte. Was ist das denn für eine Frage. Ich ließ mich wie ein nasser Sack in den Sessel fallen und seufzte. „Hier..Karhu hatten sie nich mehr.“ Jussi setzte sich auf die Sessellehne und gab mir mein Bier. „Also....was ist los?“ fragte Jussi schließlich.
„Nix.“
„Aber...meintest du nicht grad am Telefon, dass du nicht mehr länger in der Wohnung bleiben kannst? Hast du dich mit Vellu gestritten?“
„Naja......er redet seit Kuusamo nicht mit mir....darum bin ich jetzt einfach weg.“
„Hmm...“ Jussi öffnete eine neue Flasche Bier und starrte auf den Bildschirm. „Weißt du...“

„Ville...Nein!!!“ wir rannten beide in den Flur, um zu schauen was Matti veranlasste das ganze Haus zusammen zu brüllen. Matti stand in Unterhosen in seiner Zimmertür. „Geh in dein eigenes Bett!“
„Aber da ist wirklich ein Monster im Schrank.“ erklärte Ville verzweifelt.
„Kantee du spinnst!“ und damit schlug Matti seine Zimmertür wieder zu.
„Ehm...was hältst du von einem Spaziergang?“ schlug Jussi vor. Ich nickte und 2 Minuten später liefen wir schon die Straße entlang.
„Was ich vorhin sagen wollte...“ begann Jussi nach ein paar Minuten „...ich kann Vellu verstehen.“ Abrupt blieb ich stehen und starrte Jussi an. Das meint er doch wohl nicht ernst.
„Ich mein...offensichtlich bedeutest du ihm sehr viel. Sonst würde er sich nicht so aufführen.“ doch er meinte es ernst. Wir setzten unseren Spaziergang schweigend fort.
Nach einer Weile blieben wir stehen. Erst jetzt bemerkte ich wo wir waren – vor meiner Wohnung. Ich schaute nach oben. Mein Zimmer lag zur Straßenseite hin und ich sah, dass dort Licht brannte. Aber ich hatte es doch aus gemacht, bevor ich in die WG geflüchtet bin....
„Willst du nicht noch mal versuchen mit ihm zu reden?“ Jussi stupste mich an die Schulter. „Hmm...“ ich spürte meinen Wohnungsschlüssel in der Jackentasche. Ich ging ein paar Schritte auf den Neubau zu und blieb dann wieder stehen und drehte mich noch einmal zu Jussi um. Er zog den Reißverschluss seiner Jacke hoch und zog seine Mütze etwas tiefer ins Gesicht, da es mittlerweile begonnen hat zu schneien und es sehr kalt war. Er nickte mir zu und trat dann den Rückweg an. Ich seufzte und ging weiter auf die Eingangstür zu.
Im Treppenhaus brannte Licht....eigentlich brannte es immer. Offensichtlich hatte die Stadt Kuopio zu viel Geld.
Zögerlich drehte ich den Schlüssel im Schloss herum und öffnete leise die Tür. Ich zog meine Jacke aus und öffnete dann meine Zimmertür einen Spalt breit. Vellu lag auf meinem Bett und schlief. In der einen Hand hielt er krampfhaft eine Bierflasche fest. Ich wollte gerade die Zimmertür schließen, als Vellu wach wurde.
„Lea?“
„Ja?“
„Mir ist schlecht...“ Vellu richtete sich auf. Ich ging ums Bett herum und sah die Ursache: mindestens 5 leere Bierflaschen und eine angefangene Flasche Salmiakki. Dann setzte ich mich zu ihm. „Tommi killt dich morgen, wenn du mit einem Kater auftauchst.“
„Lea?“
„Ja?“
„Ich liebe dich“.
Vellu ließ sich wieder auf mein Kopfkissen fallen und starrte die Decke an. Ich schluckte schwer. Langsam verstand ich.....ich wusste ja nicht, dass Vellu es so ernst meinte...
„Lea?“
„Hmm...“
„Vielleicht sollten wir einfach nur Freunde bleiben.“ Ich verstand nur Bahnhof. Eben sprach er noch von Liebe und jetzt von Freundschaft. „Vellu ich glaub du bist betrunken.“
„Richtig.“ grinste er. „Aber ich weiß, was ich grad gesagt habe.“ er richtete sich wieder auf. „Das kann so nicht weitergehen. Ich nehm die Sache zwischen uns viel ernster als du es tust und ich denke wir sollten es beenden bevor alles noch schlimmer wird.“ Vellu umarmte mich kurz und verschwand dann in sein Zimmer. Ich starrte eine Weile auf die leere Stelle, wo eben noch Vellu saß und versuchte zu verstehen, was er da grad gesagt hat. Er hat mir nicht mal die Chance gelassen, etwas dazu zu sagen. Aber er hatte recht...es war einfach besser so.
Ich nahm meine Jacke und schloss die Wohnungstür leise. Es war sehr kalt draußen und der Schnee wurde immer mehr. Ich nahm den kürzesten Weg zurück in die WG.
„Irgendwo muss doch....“ Ich suchte den Wohnungsschlüssel. Ville war immer so schusselig, dass er sich schon mehr als einmal selbst ausgesperrt hatte. „Ahh..“ Unter der Fußmatte bin ich schließlich fündig geworden. Leise betrat ich die Wohnung....vermutlich schlafen schon alle, denn morgen sollte es früh nach Norwegen gehen. Auf Zehenspitzen schlich ich mich ins Wohnzimmer. Offensichtlich hat Ville sich nicht mehr in sein Zimmer getraut, denn er lag auf der Schlafcouch und schnarchte.
„Ich hab dir Villes Bett fertig gemacht. Ist das ok?“ flüsterte Jussi. Ich nickte stumm und ging an Jussi vorbei in Villes Zimmer. Schlafen konnte ich nicht, also stützte ich mich auf das Fensterbrett und sah mir den verschneiten Vorgarten an. Endlich schien der Winter auch in Finnland Einzug zu halten.....

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