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Kapitel 43
Harmlose und gefährliche Fahrstuhlbekanntschaften


* Sara *
Gelangweilt lehnte ich neben Björn an der Bande, während wir auf das Finale des zweiten Durchgangs warteten. Innbruck war für ihn nicht gerade mit Erfolg gekrönt gewesen und seine Laune war mehr als unter dem Gefrierpunkt. Ich rieb mir die Hände und schielte zu Lea hinüber, die etwas geistesabwesend neben Jussi stand. Nachdem Thomas Morgenstern sie vorhin zu einem Tee einladen wollte, hatte sie nur noch apathisch vor sich hin gestarrt. Aber, gut, so eine Strafe hatte ja wohl auch niemand verdient.
„So langsam könnten sie aber auch wirklich mal fertig werden“ moserte ich lustlos, während sich der vorletzte Springer oben fertig machte.
„Keine Sorge, Anders holt die Suppenschüssel ja gleich nach hause.“ Björn grinste schief und nahm mich in den Arm. Irgendwie fühlte sich so eine wir – sind – nicht – zusammen – sondern – lassen – uns – Zeit – Beziehung fast besser an, als eine richtige. Björn war schon lange nicht mehr so gelöst und ruhig. Es war mir unerklärlich, wieso seine Sprünge dann nicht stimmten.
„Whoaaaaaa Aaaanders!!“ Plötzlich brannte die Luft um uns herum und Björn ließ mich los und lief aufgeregt in den Auslauf um Anders zu gratulieren. Ich stand noch wie benommen da und beobachtete das Schauspiel. Muffi hatte tatsächlich gewonnen. Moment – er hatte gewonnen!!! Ich fiel Lea und Jussi abwechselnd um den Hals und plötzlich stand dieser Finne wieder vor mir. Wie hieß der nochmal... Arttu. Ach was solls, er grinste mich gerade wieder so breit an, dass mir in der momentanen Stimmung echt das Herz aufging. Ich umarmte ihn stürmisch und lief dann weiter zu den Norwegern.
„Toller Tag, huh?“ Björn lächelte mir zu und legte einen Arm um meine Schultern.
„Ja, der war toll.“
„Na, vorbei ist er ja noch nicht.“ Lars schaute über Björns Schulter und winkte mir zu. „Wir sollen uns beeilen, Mika will gleich weiterfahren.“
Björn und ich nickten synchron und machten uns auf den Weg zu unserem Teambus. 3 Stunden später fiel ich müde in mein Bett in Bischofshofen.
„Ich geh nochmal runter, Teambesprechung.“ Björn schloss leise die Tür hinter sich und ich schloss die Augen. Doch nach ein paar Minuten wurde mir langweilig und ich beschloss mal unten in der Lobby zu gucken, was so los ist. Als ich im Fahrstuhl stand überprüfte ich nach alter Gewohnheit mein Aussehen. Irgendwie machte ich einen zerwühlten Eindruck. Hastig strich ich mir über die Haare, als sich plötzlich die Fahrstuhltür öffnete. Ich drehte mich schnell um und stand wieder genau vor Arttu. So langsam wurde mir der Typ unheimlich. Er taucht immer so aus dem nichts auf und hat dann meistens noch dieses strahlende Lächeln im Gesicht. Merkwürdig. Mehr als merkwürdig. Der kann kein Finne sein.
"Hey, wir sehen uns aber häufig." stellte er grinsend fest und betrat den Fahrstuhl.
"Kann man wohl sagen. Verfolgst du mich?" Mein Scherz kam bei ihm allerdings nicht so gut an, sondern Arttu blickte verwirrt zu mir. "Nicht das ich wüsste..."
"War´n Witz."
"Oh.. okay. Lustig." Über seinen Gesichtsausdruck musste ich lachen und hatte ihn damit nun wohl vollends verwirrt. Um das Thema zu wechseln fragte ich nach seinen Sprüngen heute vom Wettkampf.
"Och naja... der Blechplatz, aber was solls." Die Fahrstuhltür öffnete sich wieder und Arttu ließ mir den Vortritt beim Aussteigen. "Hast du vielleicht Lust noch was trinken zu gehen?" Ich sah ihn überrascht an und überlegte kurz. Wieso eigentlich nicht? "Gerne." Zusammen machten wir uns auf den Weg in die hoteleigene Bar und bunkerten zwei Hocker am Tresen.
Arttu war wirklich nett. Schon nach einer halben Stunde wusste ich, dass er Jura studiert, fließend Deutsch spricht und erst nach einer längeren Pause diese Saison wieder in den Weltcup eingestiegen ist. Sonst wär er mir wohl letztes Jahr auch aufgefallen.
"Na, angelst du dir den nächsten aus unserem Team?" sprachlos drehte ich mich um und schaute in Mattis grinsendes Gesicht.
"Blödmann." grinste ich zurück und klopfte auf den freien Hocker neben mir.
"Wie meinst du das denn?" Arttu schaute Matti skeptisch an und blickte dann wieder zu mir.
"Naja, Sara war nach mir auch noch mit Ville zusammen." Matti ließ sich bei diesem Satz verdammt viel Zeit und ich fragte mich, ob er es genoss. Dabei ist das doch vollkommen uninteressant mit wem ich wann zusammen war. Als ob ich Arttu heute verführen wollte. Tss.
"Ihr zwei wart zusammen?" Arttu schaute uns mit großen Augen an.
"Eh.. ja..." nervös strich ich mir durch die Haare. "Ist aber schon ne Weile her..."
"Na so lange nun auch wieder nicht." warf Matti ein und zwinkerte mir zu. Was führt der Kerl im Schilde?
"Und dann warst du mit Ville zusammen? Kantee – Chaos – Ville?" Ich schluckte, wenn mans sich genauer überlegt könnte der Kontrast zwischen Matti und Ville wirklich nicht größer sein.
"Ja.. aber.. das ist auch schon.. ähm.. ne Weile her." Unruhig rutschte ich auf meinem Barhocker hin und her, wenn Matti jetzt noch mit Björn anfängt, dann...
"Ja, aber eigentlich steht sie ja auf Nor.... Aua!" Ich trat Matti so heftig wie ich konnte gegen sein Schienbein. Beleidigt schob er die Unterlippe vor und sah mich an. "Ich will doch nur, dass er weiß, worauf er sich einlässt."
"Hier lässt sich gar keiner auf irgendwas ein, klar?" Verärgert über Mattis Spruch trank ich mein Bier aus und stand auf. "Wir sehen uns ja morgen." Etwas besänftigt lächelte ich Arttu zu und verließ die Bar in Richtung Fahrstuhl. Ein Glück, dass Matti nichts von Morten weiß. Sonst hätte er das Arttu auch noch unter die Nase gerieben. Dabei geht den das doch nun wirklich nichts an. Wenn Matti gute Laune hat ist er wirklich unerträglich.

Ich lehnte mich gegen die Wand des norwegischen Containers und schaute in den Himmel. Es dämmerte bereits und so langsam begann ich zu frieren. Da knallte es wieder im Inneren des Containers und ich seufzte. Wird wohl Björns Helm gewesen sein, an seinen Skiern wird er sich ja hoffentlich nicht vergreifen.
"Ist er immernoch da drin?" Lea sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an, als ich nur nickte. Seit 20 Minuten schepperte es in regelmäßigen Abständen.
"Ich kann ihn ja verstehen. Die Tournee war für ihn eh schon ein Reinfall und jetzt schafft er nicht mal die Quali." seufzend setzte ich mich auf die Treppe und sah zu Lea auf. Als etwas gegen die Tür knallte und einen blechernen Ton erzeugte zuckten wir beide zusammen.
Müde rieb ich mir über die Augen, vielleicht sollten wir einfach ins Hotel fahren. Obwohl ich schon noch gerne gewusst hätte, wie die Paarungen für morgen aussahen. Schließlich hatte Anders so gute Chancen die Tournee zu gewinnen.
Die Containertür öffnete sich und Björn schaute mich frustriert an. "Sara?" Ich nickte und stand auf, um ihm ins Innere zu folgen. Leise schloss ich die Tür hinter mir und ging zu Björn, der an dem kleinen Fenster an der Rückwand stand.
"Was mach ich nur falsch?" Björn drehte sich zu mir um und zog mich an sich.
"Ich weiß es auch nicht." Wir beiden seufzten gleichzeitig und mussten darüber grinsen. "Es wird bestimmt bald besser, wart mal das Skifliegen nächstes Wochenende ab."
Björn verbarg seinen Kopf an meiner Schulter und atmete tief ein und aus. "Wenn ich dich nicht hätte..."
"...wärst du genauso gut oder schlecht wie jetzt auch." beendete ich seinen Satz und schob ihn ein Stück von mir weg, um ihm ins Gesicht zu sehen. "Björn, lass dich nicht entmutigen, jeder hat mal eine schlechte Phase. Du kommst da schon wieder raus." Er nickte und drückte meine Hand.
"Trotzdem wärs furchtbar, wenn du nicht bei mir wärst." Er küsste mich sanft auf die Stirn und packte dann seine Sachen zusammen.

"Du kannst doch jetzt nicht einfach nach hause fahren!" Wütend knallte ich die Tür hinter mir zu und baute mich vor Björn auf. Seine Taschen standen schon gepackt neben dem Bett.
"Sara, mach es nicht schlimmer als es ist. Ich will trainieren." Er senkte den Kopf und starrte auf den Fussboden. "Außerdem muss ich mir den ganzen Rummel nicht antun. Ich hab schlicht und ergreifend versagt."
Ich schüttelte energisch den Kopf und ging auf ihn zu. "Du kannst nicht fahren. Vielleicht gewinnt Anders morgen, ihr seid ein Team und solltet euch beistehen. Willst du dabei wirklich fehlen?" Ich kniete vor ihm und sah ihn eindringlich an. Obwohl ich die Hoffnung schon aufgegeben hatte, dass er auf mich hören würde.
"Anders packt das auch ohne mich, die anderen sind ja da. Ich ertrag es einfach nicht, dass ich mit meinen Sprüngen nicht mithalten kann."
"Dann scheint es ja mit deinem Teamgeist nicht besonders weit her zu sein." Ich stand auf, ging zur Tür und legte eine Hand auf die Klinke. "Wenn du das willst, dann geh. Aber bereuen wirst du es, nicht dabei gewesen zu sein."
"Ich weiß." Seine Stimme klang leise, tonlos. "Aber ich kann nicht anders."
Seufzend ging ich nochmal zu ihm zurück und umarmte ihn. "Ich wünschte, du würdest hier bleiben."
Björn strich mir lächelnd eine Haarsträhne aus den Augen. "Es ist besser so, glaub mir." Hastig küsste er mich auf die Wange, nahm dann seine Taschen und verließ das Zimmer.
Mir war von vornerein klar, dass das die falsche Entscheidung war. Doch manchmal war Björns Dickkopf stärker als jede Vernunft.


* Lea *

Gähnend stand ich unten am Auslauf und wartete, dass das letzte Springen der Vierschanzentournee begann. Neben mir standen Jussi und Vellu, die beide die Quali nicht überstanden haben, und Ville. Dann ging es endlich los.....wirklich folgen konnte ich dem geschehen alleridngs nicht, da ich viel zu müde war.
"Lea...schlaf nicht ein! Jetzt ist Harri dran!" Jussi und Ville verfolgten das Springen gespannt, während Vellu angefressen daneben stand. Verständlicherweise......in letzter Zeit gings wieder aufwärts mit ihm und jetzt dieser Rückschlag. Harri stand mittlerweile im Auslauf und wartete auf seinen Gegner. Sein Sprung war nicht gerade eine Glanzleistung und der Ösi, gegen den er antreten musste gewann auch. Aber immerhin hatte er noch Chancen auf einen Lucky Loser Platz.
Am Ende gewann dieser kleine Ösi das letzte Springen und Anders holte sich den Gesamtsieg. Das ganze Norwegische Team stürzte sich auf ihn und hob ihn in die Luft.
„Ich geh schon mal ins Hotel.“ Ich brauchte unbedingt eine Dusche, damit ich für die Party heut Abend fit bin. Im Moment war ich ja zu gar nix zu gebrauchen.

„Ja ist offen.“
„Huhu.“ Sara betrat mein Zimmer und ließ sich auf mein Bett fallen. „Ist Jussi gar nicht da?“ fragte sie anschließend.
„Nein....ich glaub er ist bei Ville.“ Ich teilte mir mein Zimmer mit Jussi...zu wem sollte ich auch sonst gehen und in letzter Zeit verstanden wir uns prima.
„So gut gelaunt...“ ich sah Sara skeptisch an, während ich nach einem passenden Oberteil suchte.
„Eigentlich nicht....es wär schön, wenn Björn geblieben wäre, aber was solls....morgen geht`s ja wieder heim.“
„Hmm...“ ich zog mich fertig an und gemeinsam gingen wir runter in die Hotelbar, wo eine Art Vierschanzentournee-Abschiedsfeier stattfinden sollte. Die Norweger und Finnen waren bereits alle da – typisch wenns ums feiern ging. Vereinzelt waren auch schon einige andere Springer da.
„Noch einen vertrag isch nüsch.“ Tommi kippte den nächsten Kurzen in mein Glas. „Ahhh....heut geht das schon....is ja nisch jeden Tag vier...eh...vier...“ Tommi überlegte krampfhaft „ Perkele! Isch habs vergessen.“
„Vierschanzentournee Chef.“ Harri, der neben Tommi saß, half ihm auf die Sprünge.
„Ja genau.“ Tommi legte einen Arm um Harri. „Dein Glas is ja auch leer.“ stellte er daraufhin fest und füllte es auch sofort mit Vodka auf. Harri starrte angewidert ins Glas und kippte es schließlich in einem Zug hinter.
Der Abend wurde immer später, Trainer und Springer immer betrunkener und ich immer müder. Gegen eins beschloss ich mich auf den Weg in mein Zimmer zu machen. Jussi tanzte gerade mit Ville und Tommi auf der Bar und machte nicht den Anschein den Abend schon zu beenden. Also machte ich mich alleine Richtung Aufzug, denn bis in den vierten Stock zu laufen, war ich zu faul.
Ich drückte den Knopf des Fahrstuhls, die Tür öffnete sich und....bevor ich mich versah lag ich auf dem Boden, begraben von einem Kerl, der mir aus dem Aufzug entgegen gestolpert kam.
„Harri?“ Ich rollte ihn von mir runter, da er offensichtlich nicht mehr in der Lage war dies aus eigenen Kräften zu tun.
„Schuldigung.“ nuschelte er, bevor er begann es sich auf dem Boden der Lobby bequem zu machen.
„Harri...Harri! Nicht einschlafen.“ Ich rüttelte ihn, damit er wieder wach wurde.
„Sind wir schon in Vikersund?“ Völlig verpeilt richtete Harri sich auf und setzte sich in Schneidersitz vor den Aufzug, den Kopf in beide Hände gestützt.
„Nein....Momentan sitzt du noch in der Hotellobby in Bischofshofen.“ erklärte ich und zog ihn vom Boden hoch. „Ich bring dich aufs Zimmer.“
„Du willst mit mir auf dein Zimmer?“ fragte er und grinste dreckig. Ich verdrehte die Augen und versuchte ihn in den Aufzug zu verfrachten. Auch wenn Skispringer verdammt leicht aussehen...momentan machte Harri sich offenbar 40kg schwerer als er war.
„Du teilst dein Zimmer mit Arttu oder?“
„Hö?“ Harri sah mich planlos an und hauchte mir seine Vodkafahne entgegen. Ich versuchte ihn gegen die Wand zu lehnen, damit ich nach seinem Zimmerschlüssel suchen konnte. Allerdings kippte Harri immer wieder nach vorne, so dass ich ihn festhalten musste. Es war verdammt schwer einen betrunkenen Finnen festzuhalten und nebenbei in seinen Taschen nach einem Schlüssel zu suchen. Hoffentlich sieht uns keiner, denn das sieht bestimmt mehr als verboten aus....
„Lea?“ Ich drehte mich um und sah Jussi und Arrtu, die gerade den Flur entlang kamen und mich entsetzt anstarrten. Sie stellten sich neben uns und beobachteten, was ich da mit Harri anstellte.
„Könnt ihr mir vielleicht mal helfen, anstatt bloß blöd rum zu stehen.“ mittlerweile war ich einfach nur noch genervt und wollte ins Bett.
„Hast du ihn so abgefüllt?“ entsetzt über Jussis Aussage, ließ ich Harri los, der auch direkt vorne über kippte. Zum Glück konnte Arrtu ihn noch auffangen.
„Tut mir leid...“ Jussi kratzte sich verlegen am Kopf. „Aber so zu hab ich ihn noch nie gesehen.“
„Ok...ich bring ihn mal ins Zimmer.“ Arrtu verabschiedete sich und brachte Harri ins Zimmer schräg gegenüber von meinem und Jussi.
„Ich bin hundemüde.“ Ich streckte mich einmal während Jussi das Zimmer aufschloss.
Dann fiel ich, so wie ich war, ins Bett und schlief auch sofort ein.

„Tommi wo soll die Kiste hin?“ Ville kämpfte mit einer riesen Kiste, in der sich Wachs und anderes Zeug befanden.
„Kantee...nicht so laut.“ Tommi fasste an seine Stirn und krabbelte dann auf den Beifahrersitz des silbernen Vans.
„Moi“ Harri ging mit gesenktem Kopf und möglichst schnell an mir vorbei. Hinter ihm kamen Jussi und Arrtu, die neben mir halt machten, während Harri seine Tasche im Kofferraum verfrachtete und sich ebenfalls in das silberne Auto verkroch.
„Bis später.“ Auch Arrtu verschwand zu Tommi und Harri ins Auto, während Jussi und ich in das andere Auto zu Ville, Havu, Janne und Vellu stiegen. Endlich wieder zurück nach Finnland. Diese Vierschanzen-Tournee war verdammt anstrengend und ich schwor mir die Jungs in der nächsten Zeit zu keinem Springen mehr zu begleiten...

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